Thesi Frei spricht über die Lebensfreude

Mein Gespräch mit Thesi Frei ist wie eine dreidimensionale farbige Zeitreise. Die Freude spricht durch alles hindurch und zurück bleibt ein wohliges Gefühl und die Gewissheit, dass ein selbstbestimmtes, glückliches Leben möglich ist, wenn man nur immer wieder den ersten Schritt wagt. Ganz viel Spass beim Eintauchen in diese inspirierende Stunde!

Thesi Frei ist 73 Jahre alt. Sie ist gelernte Primarlehrerin und hat die letzten 20 Jahre in einer WG mit Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung zusammengelebt, mit denen sie auch eine Musikband gegründet hat. «Das war mit Abstand die tollste Zeit in meinem beruflichen Leben».

Nur schon nach diesem kurzen Intro ist klar, dass Thesi keine Mühe hat, Freude in ihr Leben zu holen. So frage ich Thesi, wie sie die Lebensfreude mit Futter versorgt.

«Ich hatte schon als Kind den Ruf der ausgesprochenen Frohnatur». Thesi sagt, dass sie von ihren Eltern mit auf den Weg bekommen habe, aus jedem Tag das Beste zu machen, komme was wolle, und dass sie schon als Kind gelernt habe, in der Gegenwart zu leben. So hat Thesi auch nie gross Pläne geschmiedet, sondern jeden Tag genommen wie er kam.

«Jeden Tag anpacken und sich sagen: Aus heute mache ich einen guten Tag», Thesi

Da sind wir uns sehr einig. Ich finde es so toll, dass das Leben wie eine weisse Leinwand ist und man jeden Tag neu entscheiden kann, was für ein Bild man mit welchen Farben darauf entstehen lässt.

«Es geht auch darum, dass man die Freude zulässt», Thesi

Thesi erzählt von einem befreundeten Pärchen, das sie seit Jahren nicht gesehen hat und die sie spontan eingeladen hat, als sich die Gelegenheit dazu ergab. Die Freude zulassen, im Sinn von Erlebnissen, die sich anbieten. Diese nicht aus organisatorischen Gründen zu verschieben und ein geplantes Programm daraus zu machen, sondern es einfach passieren lassen und es geniessen, das gefällt Thesi.

«Man kann überall das Böse vermuten oder man kann überall das Gute vermuten», Ronja

Thesi wurde als 5. Kind mit 11 Jahren Unterschied zum zweitjüngsten Bruder nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. Ihr Vater war lange Taglöhner in einem Eisenwerk, bevor er gesundheitsbedingt aufhörte und als Pächter einen Bergbauernhof übernahm, wo er Weihnachtsbäume kultivierte und daneben etwas Landwirtschaft betrieb, um die Familie weitgehend selber zu versorgen. Thesi schmunzelt, sie sei schlichtweg als Prinzessin geboren worden. «Ich hatte nie Gründe anzunehmen, dass mir jemand etwas Böses will» sagt Thesi, «ich war eingemummelt in Geschwisterliebe und hatte gute, witzige Eltern, die beide die Einstellung hatten, dass man aus jedem Tag einen guten Tag machen kann, wenn man ihn nur anpackt». Sie hatte als Kind auch nie die Empfindung, dass sie in einer armen Familie aufwachsen würde. Ihre Kleider waren manchmal alt, aber sauber und ganz mussten sie sein, wofür ihre Mutter immer mit grosser Sorgfalt und viel Geschick sorgte. Dies wiederum gab Thesi das Gefühl, reich zu sein. «Ich bin sehr dankbar, dieses Geschenk erhalten zu haben».

«Es ist wie ein Rahmen, in dem man sein Leben entfalten kann», Ronja

Thesis Weg ist genauso spannend wie bereichernd. Ihr Leitspruch war «Es lebe die Unvernunft» und wenn Leute ihr erklärten, dass sie etwas nicht machen könne, dann hatte sie es erst recht angepackt. Mit 28 war Thesi zweimal geschieden, wobei sie heute mit beiden Exmännern ein herzliches und freundschaftliches Verhältnis führt. «Ich musste das einfach korrigieren, wenn ich merkte, dass es doch nicht das ist, was ich will».

«Ich hatte immer den Mut, etwas zu ändern, wenn es mich dünkte, dass es geändert werden muss», Thesi

Ich frage Thesi, wie sie in der Familie mit Fehlern umgegangen sind. Sie erwidert, dass ihre Eltern zwar nicht sehr autoritätsgläubig waren, aber jeweils schon auf der Seite der Lehrer standen, weil eigentlich immer klar war, dass Thesi begangen hat, was man ihr vorwarf.

«Als ich als kleines Mädchen etwas unbedingt wollte, aber nicht bekam, teilte ich meiner Mutter mit, dass ich sie nicht mehr möge und darum von zu Hause weggehen wolle. Sie hat mir die Mütze und das Mäntelchen angezogen und die Türe aufgehalten, «dann gehst du halt». Nach kurzer Zeit wurde mir bewusst, dass ich keine Ahnung hatte, wohin ich gehen könnte. Mein Stolz verbot mir aber, dies einzugestehen. So stand ich unendlich lange vor der Türe, ohne dass meine Mutter mich holen kam. Ich musste die Konsequenzen meines Handelns selber realisieren und auch selber korrigieren».

«Meine Mutter hat mir sehr direkt die Konsequenzen meiner Fehler aufgezeigt und mich diese auch spüren lassen, statt mir eine Strafe zu geben. Einmal hatte einen Kinderstuhl geschenkt bekommen, den ich auf keinen Fall mit meiner Cousine teilen wollte. Da entschied meine Mutter, dass ich in dem Fall hinein sitzen und ganz lange nicht mehr aufstehen durfte. So lernte ich das Teilen. Und auch, dass etwas allein für sich behalten gar keine Freude macht.

Ich bitte Thesi die Geschichte mit dem Pfarrer und den Kleidern zu erzählen, die sie mir schon mal erzählt hat und die mir so gut gefällt.

Es war im Alter von 10 Jahren, im Winter und es lag viel Schnee. Der lange Schulweg führte steil den Berg hinunter. Vor der Schule mussten alle Kinder  die Schulmesse besuchen, die noch einmal einen Kilometer weiter, in der Kirche ausserhalb des Dorfes stattfand. Zu dieser Zeit ging ein Händler von Hof zu Hof und verkaufte Kleider.  Zum erstenmal hatte er dicke, warme Hosen auch für Mädchen dabei. Ihre Eltern kauften Thesi solche Hosen, mit denen sie am nächsten Tag in der Schulmesse auftauchte. Dort wurde sie vom Pfarrer mit den Worten: «Du kannst grad wieder gehen, ich will kein Mädchen mit Hosen in der Kirche haben,» wieder fortgeschickt. Thesi ging wütend nach Hause und erzählte es ihrem Vater, der nicht viel dazu sagte, Thesi jedoch am nächsten Tag in die Kirche begleitete. Er sagte zum Pfarrer: «Der Herrgott, an den ich glaube, ist kein Blöder, der will nicht, dass mein Mädchen mit verfrorenen Beinen in die Schulmesse kommt. Von jetzt an kommt es mit den Hosen oder gar nicht mehr». Von diesem Zeitpunkt an durften alle Mädchen mit Hosen in die Kirche kommen.

Als Thesi erzählt, dass sie um sechs Uhr früh im Stockdunkeln zu Hause losmusste, dabei aber nie Angst hatte, kommen wir auf dieses Thema zu sprechen. In meinem Umfeld und auch im Coaching und im Mastermind haben viele Menschen die grösste Angst davor, was die anderen über einem denken könnten.

Ich frage Thesi, ob sie solche Momente auch kennt.

Thesi antwortet, dass dies vor allem dann vorkam, wenn eine Person, die sie  gerne besser kennen gelernt hätte, eher ablehnend reagierte. Sie sagt aber auch, dass ihr gegenüber mal ein Freund bemerkte: «Ich kenne niemanden, der so fest davon überzeugt ist, dass alle Leute ihn gut mögen, wie du». Thesi ergänzt, dass sie dies im ersten Moment betroffen gemacht habe, weil es so eingebildet klingt. Nach reiflicher Überlegung musste sie sich aber eingestehen, dass es stimmte.
Oft sei es ihr aber wirklich egal, was andere Leute von ihr denken.

«Eine Selbstsicherheit, die von Innen herauskommt, ist die grösste Unabhängigkeit», Ronja

Thesis Erklärung dazu: «Es ist mir wohl in meiner Haut, ich wollte nie jemand anderes sein.»

Als Thesi mit 15 Jahren vom Dorf in die Kantonsschule nach Solothurn kam, empfand sie den ersten Tag als  sehr bedrohlich. Die Autos, die Leute, die nicht grüssten, die anderen Mädchen mit schöneren Kleidern und schöneren Frisuren… «Ich war schon unsicher, aber ich habe mich nie gefragt, ob ich deswegen weniger wert oder unglücklicher sei».

«Du strahlst aus, dass du keine Angst hast, dann passiert dir auch nichts», Thesi

Wenn du es schaffst, in den Spiegel zu schauen und zu sagen: «Du und ich, wir sind ein tolles Team, komm wir haben es gut miteinander», dann ist das Leben viel schöner und einfacher.

Thesi greift diese Aussage auf und verrät mir, dass sie jeden Morgen, wenn sie ins Bad geht «Hoi Thesi» in den Spiegel sagt und sich selber zuzwinkert. In schwierigen Zeiten schaut sich Thesi im Spiegel in die Augen und redet sich selber gut zu.

Ich frage Thesi, was sie Menschen rät, die unsicher sind und sich sehr von aussen beeinflussen lassen: «Probieren, all die Einflüsse, die aus den Massenmedien kommen nicht so ernst zu nehmen. Versuchen, andere Werte zu finden. Man muss nicht alles glauben, was gedruckt oder erzählt wird, man sollte kritisch sein, sich eine eigene Meinung bilden und eigene Massstäbe setzen», antwortet Thesi.

«Wenn du dir minderwertig vorkommst, dann wirst du auch so behandelt», Thesi

Aber auch:

«Man hat das Recht, eigene Fehler zu machen und daran zu wachsen», Thesi

Thesi sagt, dass zum Wohlbefinden manchmal auch eine gewisse Traurigkeit gehört. Wenn man sich immer gut fühlt und immer alles nur toll ist, dann wird es eintönig und man merkt es gar nicht mehr. «Es gibt Glück nur im Vergleich mit Traurigkeit und diese muss auch Platz haben». Es ist wichtig, dass man sich bewusst ist, dass man nicht den ganzen Tag gut drauf sein und eine Rolle spielen muss, sondern Traurigkeit auch zulassen kann.

«Wenn man Traurigkeit nicht zulassen kann, lässt man auch wirkliche Freude nicht zu», Thesi

Sich selber eingestehen, dass man auch traurig und unglücklich sein kann, statt zu meinen, nach aussen immer Fröhlichkeit und Glück ausstrahlen zu müssen, das ist ehrlicher und gibt auch gesundes Selbstbewusstsein.

Ein weiteres gutes Rezept von Thesi ist, dass man negative Dinge, die passieren, nicht als Bosheit oder willentliche Verletzung von anderen Menschen anschaut. " Andere Menschen haben ihre eigenen Probleme und reagieren anders, als du erwartest. Sie überlegen sich gar nicht, dass sie dich damit vielleicht verletzen".

Wenn du z.B. im Auto sitzt und jemand fährt dir gefährlich in den Weg, kannst du dich entweder fest ärgern oder aber mit einem Gefühl von Dankbarkeit wegfahren, dass nichts passiert ist.

«Wenn man etwas lang genug schönredet, wird es auch schön», Thesi

Thesi wusste immer, dass sie keine alte Lehrerin sein will und hat deshalb mit 50 gekündigt. Auf der Suche nach einer neuen Tätigkeit kam ihr die Idee, eine Wohngemeinschaft mit behinderten Menschen zu gründen. Ihre Bekannten erklärten diese Idee für verrückt, vor allem, als sich Thesi dafür ihr Pensionskassengeld ausbezahlen liess. Doch sie liess sich nicht beirren und befand, dass sie das selber entscheide und wenn sie scheitere, dann sei es immer noch ihr eigenes Geld und ihr eigener Kummer. «Ich habe das Pferd am Schwanz aufgezäumt: ich hatte zuerst das Haus und eine behinderte Frau,  nachher das Konzept und erst danach eine kantonale Bewilligung. Ich habe mich selbst in eine Zwangslage versetzt, so dass es einfach funktionieren musste». Am 20-Jahr- Jubiläum schliesslich kamen jene Leute, die Thesi am Anfang angezweifelt hatten und gratulierten ihr zum Schritt, den sie gewagt hatte. «Das hat mich wirklich froh gemacht». Thesi ergänzt auch, dass es immer 2, 3 Leute um sie herum gab, die sie unterstützten und ihr auch Halt gaben.

Eine besondere Geschichte dazu ist Folgende:

«Nach 5 Jahren hatte ich im Dezember alle Rechnungen bezahlt und für die zwei Wochen Ferien, die vor mir lagen, noch genau 280 Franken übrig. Ich wäre gerne essen gegangen, aber ich war zu stolz, jemanden um eine Einladung zu bitten. Dann läutete es draussen. Vor der Türe stand ein Mann, an den ich mich vage erinnerte und mit dem ich im Sommer davor ein Gespräch geführt hatte. Er war damals von meiner Arbeit angetan und sagte, dass er an mich denken würde, wenn er wieder Geld vergeben werde. Nun stand er vor mir und teilte mir mit, dass er mit einem Geldgeschenk käme. Ich dachte in meinen kühnsten Träumen an 1000 Franken. Er sagte: «Du musst mir aber eine Quittung machen, wegen den Steuern, damit ich es abziehen kann». Er legte mir  3000 Franken auf den Tisch und mir schlotterten die Knie. An diesem Abend ging ich dick Znacht essen und trank ein Glas Wein dazu. Dies ist ein Paradebeispiel von ganz vielen Ereignissen in meinem Leben: Immer ging irgendwo wieder eine Türe auf. Immer wieder nahmen die Geschehnisse eine Wendung zu meinem Wohlergehen."

Von jedem Menschen, dem man begegnet, das Beste erwarten, sich aber auch zutrauen, ein Gespräch oder einen Kontakt wieder zu beenden, wenn es eine negative Wendung nimmt, ist eine gute Einstellung. So kann man viele Chancen wahrnehmen, die an unserm Wegrand auf uns warten und das Leben bunter gestalten.

«Auch negative Erlebnisse machen einen reicher an Erfahrung und man kann schlussendlich eine positive Bilanz daraus ziehen», Thesi

Thesi sagt, dass sie im Bewusstsein, dass viel Schlechtes passiert, versucht, die Sachen, die sie ändern kann, wirklich zu verändern. An Dinge, die sie ohnehin nicht beeinflussen kann, z.B. das Wetter, verschwendet sie weder Gedanken noch Energie. «Das Wichtigste ist, unterscheiden zu können, was man verändern kann und was nicht. So beisst man sich nicht an Unmöglichem die Zähne aus».

«Dort wo ich eine Chance sehe, dass eine Investition von Energie zu einem positiven Resultat führen kann, da investiere ich Energie», Thesi

Thesi ruft laut und deutlich und mit Schalk in den Wald hinein und so kommt es auch zurück. Es ist die Begeisterung für die Lust am Leben, die Thesi so grosszügig weitergibt und die dieses Gespräch zu einer Wohltat macht. Danke, danke tuusigmal Thesi, dass du so wunderbar bisch, wie du bisch!!!

Das Video zu unserer Konversation kannst du hier schauen:

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